Mittwoch, 31. August 2011

Der Junge im gestreiften Pyjama

Es ist gewagt, dies bereits jetzt zu tun, aber ich küre hiermit das Buch meines Lesejahres 2011! Dieser Roman hat mich unglaublich bewegt und ich kann ihn euch einfach nur wärmstens ans Herz legen.

Erzählt wird die Geschichte des neunjährigen Bruno, der mitten in der finsteren NS-Diktatur groß wird. In Berlin. In einer herrschaftlichten Villa. Als Sohn eines hochrangigen Kommandeurs. Bruno hat ein ziemlich spannendes Leben: In Berlin ist schließlich immer etwas los, und wenn er sich auf dem Dachboden vor dem Fenster ganz angestrengt auf seine Zehenspitzen stellt, kann er über die ganze Metropole blicken. In der Straße, in der er wohnt, gibt es viele Cafés, die Stühle vor ihre Häuser gestellt haben, so dass die Straße immerzu vor Leben brummt. Außerdem hat er drei enge Freunde, mit denen er die Welt unsicher macht. Aber ein Rabauke ist Bruno nicht, sondern herzergreifend höflich und ehrlich. Einzig seine Schwester Gretel, in seinen Augen ein hoffnungsloser Fall, macht ihm das Leben ein bisschen schwer, vor allem wenn ihre hochnäsigen Freundinnen in der Nähe sind, die ihn immer damit aufziehen, dass er für sein Alter so extrem klein ist. Aber sobald Bruno das hölzerne Geländer seines Familienhauses die drei Stockwerke rasant hinunter rauscht, ist die Welt wieder in Ordnung.

Bis zu dem Tag, an dem der große Furor bei ihnen zu Abend isst und eine unheimliche Atmosphäre verbreitet. Bruno versteht eigentlich gar nicht, was es mit diesem Menschen auf sich hat, aber seinem Vater scheint es ganz besonders viel zu bedeuten, dass der Furor an diesem Abend bei ihm persönlich erscheint. Und tatsächlich: Es warten große Aufgaben auf Brunos Vater, die das Leben der Familie gehörig verändern. Er wird als Kommandeur nach Aus-Wisch beordert und nimmt seine Familie mit an diesen trostlosen, grauen Ort. Bruno versteht die Welt nicht mehr: Was soll er bloß hier, wo er keine Freunde hat? Wo er aus dem Fenster nichts anderes sieht als einen unwirtlichen Rasen, einen langen Weg, eine Bank, die zum langweiligen Haus der Familie zeigt, ... eine eingezäunte Fläche, hinter der ungezählte Menschen in derselben Kleidung sind. Bruno und Gretel können ihre Augen kaum mehr von diesem Anblick wenden - was geht dort vor sich? Eines Tages erinnert sich Bruno wieder daran, dass er sich in Berlin gern die Zeit damit vertrieb, Dinge zu erforschen, und so macht er sich auf einen langen Weg, an dessen Ende er schließlich an einem Stacheldrahtzaun angelangt, auf dessen anderer Seite ein kleiner Junge im Schneidersitz hockt...

Literatur über die Gräuel der NS-Zeit wirken oft ermahnend, und können doch nicht das Leid erfassen, dass ungezählte Menschen erleben mussten. Aus diesem Grund hat Boyne eine besondere Perspektive gewählt: Die Sicht auf die Welt aus den Augen eines kleinen Jungen, dem nicht erklärt wird, was er um sich herum sieht. Und so versucht sich Bruno seine Welt zu erklären. Dies lässt einen oft schmunzeln, stimmt aber noch viel häufiger sehr melancholisch, bedenkt man den tatsächlichen historischen Hintergrund. Mehr möchte ich über dieses Buch schon fast nicht mehr sagen, denn man muss es einfach gelesen haben, muss Brunos Sicht der Welt geteilt haben, muss seinen Weg mitgehen, muss sich seine Fragen stellen. Dieses Buch hat mich mit einem Schauer des Ekels und Grusels über die Abgründe dessen, wozu der Mensch fähig ist, und mit einem tiefen Schock zurückgelassen. Und doch liebe ich dieses Buch, vor allem diesen Jungen, der in seiner eingeschränkten Wahrnehmung gar nicht glauben kann, dass es die Menschen auf der anderen Seite des Zauns so viel schlechter haben sollen als er, schließlich sind sie doch so viele und er so allein.

Ich kann es nur noch einmal betonen, lest dieses Buch! Fazit: 5 Sterne!

John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama. Eine Fabel. ISBN: 978-3-596-80683-6

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