Donnerstag, 1. März 2012

Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe

Heute erscheint bei der FVA ein neuer Roman, den ich euch wärmstens empfehlen möchte. - Sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus, dieser Kerl, oder? Wirklich sympathisch ist dieser junge Mann auch tatsächlich nicht, doch wer will ihm seinen Weltschmerz schon verübeln? Seine Mutter hat die Familie verlassen, um mit einem dreizehn Jahre jüngeren Tankwart durchzubrennen, sein Vater (von ihm nur Chef genannt) flüchtet sich in den Alkohol, seine Schwester (die Mönchsrobbe) in ihren katholischen Glauben. Und so wird der namenlose Ich-Erzähler zum Einzelkämpfer par exellence - Freunde? Fehlanzeige. Freizeit? Auch Fehlanzeige. Schulische Erfolge? Sprechen wir lieber nicht drüber.

Unser Ich-Erzähler fällt eigentlich nur durch eines auf: Ein arrogantes Auftreten - und er ist immer auf der Suche nach Ärger. Gut, nicht wirklich, aber er gerät immer wieder mitten hinein, weil er einfach nicht seine Klappe halten kann. So wenig selbstreflektiert er dabei selbst ist, so schnell durchschaut ihn der Leser: Natürlich ist sein barsches Auftreten seine Art, mit dem Schmerz über seine zerrissene Familie, dem Verlust seiner Mutter wenigstens halbwegs fertig zu werden. Und so überrascht es nicht, dass es ihm binnen weniger Minuten gelingt, sich seine Welt so umzudenken, dass er der tolle Hecht ist. Dabei übersieht er natürlich großzügig, was sein Umfeld tatsächlich von ihm hält.

Niemand an der Schule hält ihn ernsthaft für den starken Schlägertypen, der seinem Klassenkameraden den Schädel eingeschlagen hat. Niemand in seiner Familie hält ihn ernsthaft für den reifen, erwachsenen Ton-Angeber, der in der Familie das Sagen erlangt. Niemand in der kleinen Stadt hält ihn ernsthaft für den Frauenhelden, als der er sich stilisiert - und das gilt dummerweise auch für die hübsche Chiara, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat. Die er natürlich nicht liebt. Die er über alles liebt. Die er nicht ausstehen kann. Die ihm einfach nicht aus dem Kopf geht. An die er natürlich niemals einen Gedanken verschwenden würde. Dieses Spiel kann unser Ich-Erzähler wirklich lange spielen.

Der Leser begleitet diesen unsympathischen, aufmüpfigen jungen Kerl durch allerhand Schlägereien, Streitereien, peinliche Situationen (natürlich manövriert er sich jedes Mal elegant selbst in seinen Schlamassel) und darf im Anschluss staunen, mit wie viel Überzeugungskraft er sich die Situation im Nachhinein wieder schön redet. Doch mit der Zeit - immerhin umfasst dieser Roman eine Zeit von mehreren Monaten, obgleich wir doch nur einzelne Tage schlaglichtartig miterleben - verändern sich die Nuancen, der namenlose Held wird zum tragischen Helden, der auf einen Schlag erwachsen werden und sich seinen Ängsten stellen muss. Ein ungeahnter Schicksalsschlag beweist ihm, dass er längst nicht so über den Dingen steht, wie er das gern hätte...

Warum soll man nun ein Buch lesen, dessen Ich-Erzähler sich wie ein - Verzeihung, aber so drastisch muss es sein - Arschloch verhält? Ganz einfach: Weil er immer häufiger durchblicken lässt, dass er eben doch keines ist. Er ist ein verlassenes Kind, das mir nichts dir nichts erwachsen werden sollte, ohne dass ihm jemand gezeigt hätte, wie das geht. Und auch mit dem Verlust umzugehen, wurde in dieser Familie niemals offen thematisiert. Und so rebelliert er gegen seinen Vater, gegen die Gesellschaft mit ihren Normen, gegen die Jugend mit ihren Cliquen. Trotz seiner Unausstehlichkeit wächst er dem Leser ans Herz, weil seine Fassade so durchschaubar ist. Frascella ist es gelungen, seinem Ich-Erzähler durch den Einblick in seine Sicht auf die Dinge, seine Gedanken und verdrängten Ängste den eigentlichen Kern des Jungen zu zeigen, lange bevor er ihn selbst zu sehen bereit ist.

Ich habe dieses Buch an einem Tag verschlungen. Mich hat die Geschichte des namenlosen Jungen tief berührt.

Fazit: 5 Sterne!

Christian Frascella: Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe. ISBN: 978-3-627-00181-0

Kommentare:

momo hat gesagt…

ui, das klingt wirklich wie ein buch für mir... aber ich hab ja noch eins von dir liegen... gut dass ich kein SUB zähle... aber... ein wunschbunsch... definitiv...

und an der stelle mal ein riesenlob. ich liebe deine rezensionen, habe immer das gefühl, ich weiss danach direkt ob es eins für mich ist oder nicht... scheinbar kommst du in der rezension dem stil des buches sehr nah. *ganz-liebes-knuddel-dafür*

Kalliope hat gesagt…

Vielen, vielen Dank für dieses Riesenlob! Das freut mich wirklich sehr, denn es ist mir wirklich wichtig, Stimmung und Stil eines Buches herüber zu bringen. Denn der Inhalt kann noch so ansprechend sein, wenn man mit der Form nicht klar kommt, quält man sich doch bloß durch ein Buch... es freut mich sehr, dass das bei dir tatsächlich so ankommt! -ganz liebes knuddel zurück-