Donnerstag, 23. August 2012

Die Mütter-Mafia

Frühförderung! Entwicklungs-Zeitfenster! Spracherziehung! Musikalische Frühbildung! Hochbegabung! Individualität! - Stichworte, mit denen die Mitglieder der Mütter-Society möglichst häufig um sich werfen, und damit all denjenigen Müttern, die nicht (ausschließlich) in diesen Kategorien denken, ein schlechtes Gewissen bereiten wollen. Schließlich sind all diese von ihnen als wichtig markierten Themen auch wissenschaftlich hinterlegt, da kann man sich gern nochmal den Beitrag von Prof. Dr. Dr. h.c. A. B. C. XYZ von den Super-Muttis zuschicken lassen...

Constanze hat aber gerade ganz andere Sorgen: Von heute auf morgen wird sie von ihrem Mann verlassen und in das vor Mahagoni schreiende Haus der kürzlich verstorbenen Schwiegermutter abgeschoben, mitsamt ihrer vor-pubertären Tochter und ihrem kleinen Sohn. Arbeitslos und plötzlich alleinerziehend weiß Constanze gar nicht, wo ihr der Kopf steht - da klingt das mit der Mütter-Society doch wunderbar: Sich austauschen über verschiedenste Themen rund um Kindererziehung und vor allem sich liebevoll gegenseitig unterstützen. Klar, dass Constanze sofort Mitglied werden möchte. Doch beim Vorstellungs-Treffen wird ihr schnell klar: Hinter einer wissenschaftlich fundierten, auf die zeitgemäße Entwicklung des Kindes gerichteten Frühförderung durch musikalische, kulturelle und sprachliche Kursangebote kann man sich auch schnell verstecken, um das eigene Handeln als Mutter besonders positiv nach außen erscheinen zu lassen, während das über-förderte [sic!] Kind gar nicht mehr seine Kindheit genießen und dabei stets auf das liebevolle Nest der eigenen Familie vertrauen kann... Da hilft nur eins: Die Mütter-Mafia muss her - eine geheime Gegenbewegung zur überkandidelten Mütter-Society, die die Kinder mit ihren ureigenen Bedürfnissen nach Liebe und Geborgenheit in den Mittelpunkt rückt und den Super-Muttis mal gehörig den Marsch bläst!

Was ist für einen vierjährigen wichtiger - dass er schon die Zahlen von eins bis zwanzig beherrscht, oder dass er seinen eigenen Körper beherrschen lernt, indem er auf Baumstämmen balanciert? Neurowissenschaftler antworten mit letzterem, da das gesunde Körpergefühl letztlich auch die Hirnstrukturen für gute Mathe-Leistungen fördert - wie beruhigend, sind wir doch schießlich auch einmal so groß geworden und ohne dass uns der Terminkalender die freie Zeit zum Spielen vorgab. Ohne Angebote wie eine musikalische Früherziehung verteufeln zu wollen - mir gefällt Giers Roman vor allem deshalb, weil er zeigt, dass man nicht ständig auf der Überholspur fahren und seinen Kindern jede freie Minute durchplanen muss und trotzdem nicht zur Raben-Mutter wird. Natürlich sind ihre Charaktere fast schon satirisch überzeichnet (wobei... - na ja, man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben), aber gerade die Überspitzung zeigt, dass zuoberst ganz andere Dinge stehen sollten: Zeit für das eigene Kind, Zeit mit dem eigenen Kind, offene Augen und Ohren für seine Bedürfnisse und Wünsche, Rückhalt, Wärme, Sicherheit - und dann zeigt sich auch ganz schnell, ob Sophia-Christine wirklich aus eigenem Antrieb Geige spielen lernen möchte und ob man diesem Interesse nachgehen und es fördern sollte...

Nicht einfach nur ein seichter Frauen-Roman, sondern eine liebe- und humorvolle Art und Weise, scheinbar altmodische Werte wie Ehrlichkeit und Zusammenhalt in unsere hektische Welt zu retten - und dabei durch Constanzes oftmals schusselige, aber stets aufrichtige Art, ihre herzigen Kinder und ihre urigen Freunde eine Lektüre, die oft schmunzeln lässt.

Fazit: 4 Sterne!

Kerstin Gier: Die Mütter-Mafia. ISBN: 978-3-404-15296-4

Giers "Mütter-Mafia"-Reihe umfasst drei Bände und eine Sammlung von Kurzgeschichten diverser AutorInnen:
1. Die Mütter-Mafia.
2. Die Patin.
3. Gegensätze ziehen sich aus.
4. Die Mütter-Mafia und Friends. Das Imperium schlägt zurück.

Kommentare:

momo hat gesagt…

ich hab neulich schon an anderer stelle von dem buch gehört, (hat miss von kürthy nicht auch sowas veröffentlicht???) und ich mochte die edelsteintriologie ja auch, auch wenn ich wohl nicht das eigentliche puplikum darstelle.
Und kann mir den humor vorstellen, ist bestimmt äusserst mir ironie und sarkasmus gespickt...

eigentlich ja perfekt für dich, als humorvolles mahnmal, was man nicht werden möchte - auch wenn ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, dass du so austickst und später den baby ical /googleCal terminplan veröffentlichst *rofl*

Kalliope hat gesagt…

Hihi, gewiss nicht, ich verbiete meiner Schwiegermama ja sogar, dass überhaupt der Name ihres Enkels irgendwo auf Facebook auftaucht...;-) Abgesehen davon soll unser Sohn einfach Kind sein können und nicht schon nach dem Diktat eines viel zu prall gefüllten Terminkalenders groß werden.
Aber du hast Recht: Das Buch ist wirklich so etwas wie ein humorvolles Mahnmal. Und auch eine schöne Bestätigung, dass es eben auch ohne diese übertriebene Form der Förderung geht, sondern dass vor allem die Liebe für das eigene Kind das wichtigste ist, was man ihm geben kann.

Aber davon abgesehen: Wenn dir der Humor von Kerstin Gier gefällt, kann ich mir vorstellen, dass du das Buch auch magst. Wenn du mal Lust auf einen wirklich humorvollen, ironischen, sarkastischen Roman hast, der aber gleichzeitig fast federleicht beschwingt daher kommt (und trotzdem so eine tolle Grundaussage mitliefert), kann ich dir die Mütter-Mafia auch einfach nur als sehr unterhaltsames Buch für zwischendurch empfehlen - allein die Forenbeiträge der Super-Muttis, die zwischen den Kapiteln stehen, sind einfach zum Schreien komisch (man sollte in dem Moment bloß ignorieren, dass es wirklich solche Muttis gibt, sonst regt man sich doch noch auf...^^).

Von Ildiko von Kürthy wüsste ich jetzt allerdings nicht, ob sie etwas in der Richtung veröffentlicht hat. Da muss ich gleich mal recherchieren...;)

Kalliope hat gesagt…

Wie es der Zufall so will, hat die liebe Bibliophilin gerade das von dir erwähnte Buch rezensiert, schau' doch einfach mal bei ihr vorbei.