
Albert Leblanc hat nicht viel, was ihn an sein junges Leben bindet. Wenn man es genau nimmt, kommt er nur seiner täglichen Pflicht nach und folgt einem tristen Alltag, der durch die Tatsache, dass die Bewohner seines Heimatortes Rechthalten nur Spott für ihn übrig haben, nicht gerade verschönert wird. Hätte Albert nicht seine Gitarre, er stünde vor dem Nichts. Keine Familie. Keine Freunde. Keine sozialen Bindungen. Nur sein Job als Koch im Gasthof des kleinen Ortes. Nur seine Gitarre. Gut, und nur die Wirtin Mona, für die Albert insgeheim schwärmt. Aber das ändert auch nichts an seinem Entschluss, seinem kurzen Leben mit (ausgerechnet!) 27 Jahren ein Ende zu setzen: Albert plündert die Valium-Vorräte seines Chefs, betrinkt sich mit Unmengen von Absinth und zündet kurzerhand sein Haus an. Schließlich sollen die Leute im Ort nicht noch über seine sterblichen Überreste lachen können. Er hinterlässt der Welt nicht viel: Einen Brief an Mona und den Wunsch, seine Gitarre zu seinem Grabstein zu machen. Das war's. Und ausgerechnet kurz vor seinem Tod kommt ihm diese teuflisch gute Melodie in den Kopf...
Bielmanns Roman ist gespickt mit der Liebe zur Musik. Das beginnt mit Akkordfolgen, die den Kapiteln vorangestellt sind und ihnen ihre Melodie mit auf den Weg geben, die so sehr zu ihrer Stimmung passen, geht weiter mit Alberts einzig möglicher Flucht aus dem Alltag durch sein Gitarrenspiel und gipfelt schließlich in kursiv eingestreuten Textpassagen, die aus bekannten Liedern stammen, die den Zeitgeist der Handlung (sie spielt 1967) und vor allem die Stimmung Alberts so wunderbar transportieren. Da Bielmann diese Texte aber nicht einfach nur zitiert, sondern ins Deutsche überträgt, muss man an der einen oder anderen Stelle schon ein wenig überlegen, welcher Song hier die Inspiration bot. Ein toller Kniff, der noch mehr als Bielmanns einfühlsame Sprache ohnehin schon dazu beiträgt, dass die Stimmung des Romans fast greifbar wird.
Albert Leblanc - nomen est omen - bleibt dem Leser erhalten, während sich Rechthalten von ihm verabschiedet und plötzlich ganz ergriffen tut. Denn so einfach ist das mit dem Ausstieg aus dem Leben wohl doch nicht, zumindest nicht für Albert, der sich im letzten Moment nicht mehr traut und vor seinem Großbrand flüchtet. Das weiß aber in Rechthalten niemand und ungeahnt findet sich Albert in Freiheit wieder, führt "Das Leben eines Toten" (wie das zweite Buch im Buch so treffend heißt) und beginnt all das auszukosten, was das Leben ihm bisher verwehrte. Alles? Kann man wirklich in Freiheit leben, wenn dort, wo man herkommt, niemand wissen darf, dass man am Leben ist? Bald gerät Alberts Flucht aus Rechthalten zu einer Sinnsuche in seinem ziel- und lieblosen Leben. Und obwohl sich in die Moll-Klänge seines Lebens mehr und mehr Dur-Akkorde schleichen, wird Albert seine Affinität zu diesem E-Moll-Akkord einfach nicht los...
Bei aller Melancholie (oder gerade deswegen?!) eine Hommage an die Musik, an die Liebe, an das Abenteuer, an das Selbst, an das Leben - in all seinen Farben und Klängen. Und wenn all das nicht schon neugierig genug auf diesen Roman macht, dann hört euch den zeitlos genialen Song "Norwegian Wood" der Beatles an und macht euch auf die Suche nach Bielmanns ganz eigener Verarbeitung dieses Songs in seinem Roman!
Bei aller Melancholie (oder gerade deswegen?!) eine Hommage an die Musik, an die Liebe, an das Abenteuer, an das Selbst, an das Leben - in all seinen Farben und Klängen. Und wenn all das nicht schon neugierig genug auf diesen Roman macht, dann hört euch den zeitlos genialen Song "Norwegian Wood" der Beatles an und macht euch auf die Suche nach Bielmanns ganz eigener Verarbeitung dieses Songs in seinem Roman!
Fazit: 5 Sterne!
David Bielmann: Flucht eines Toten. ISBN: 978-3-9523657-2-4
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