
Emmi und Leo kennen sich eigentlich nur per E-Mail. Und eigentlich haben sie auch gar keinen Kontakt mehr zueinander, nachdem Leo überstürzt die Stadt verlassen und sich in den USA ein neues Leben aufgebaut hat. Emmi versucht zwar, ihn zu erreichen, doch ein humor- und gefühlloser Systemmanager teilt ihr immer wieder mit, dass diese Adresse nicht mehr aktiv ist und die Nachrichten ihren Empfänger nicht erreichen. Bis zu dem Tag, an dem Leo nach Deutschland zurückkehrt und der Systemmanager schweigt...
Bei "Alle sieben Wellen" handelt es sich um die Fortsetzung von "Gut gegen Nordwind", worin sich Emmi und Leo aus purem Zufall per Mail kennenlernen und in einem Online-Kontakt hängen bleiben, der ihre Gefühle prächtig durcheinander wirbelt. Ständig tänzelten sie um die Frage herum, ob sie einander real treffen sollen, doch zu diesem Treffen kam es schließlich nie. Ebenso wenig, wie es zu einem echten Ende in ihrer Geschichte kam. Und so ist es nur folgerichtig, dass Emmi und Leo sich wieder zu schreiben beginnen. "Alle sieben Wellen" lässt sich aber auch lesen, ohne dass man Teil 1 der Geschichte näher kennt.
Nachdem Emmi und Leo sich bisher hinter ihren Gefühlen verschanzt und sich nicht ehrlich mit den Konsequenzen auseinander gesetzt hatten, die ein Treffen nach sich ziehen könnte, holen sie genau dies in diesem Teil nach. Endlich, möchte ich anfügen, denn "Gut gegen Nordwind" hatte mich ehrlich gesagt schon fast frustriert zurück gelassen. Schließlich sollte man wissen, dass Emmi verheiratet ist und zwei Stiefkinder hat und dass auch Leo mehr oder weniger in einer Beziehung lebt. Dennoch schrieben sie sich hochemotionale Nachrichten und ließen immer mehr durchblicken, wie interessiert sie am jeweils anderen waren, ohne sich jedoch ernsthaft der Frage zu stellen, was das für ihre Beziehungen im realen Leben bedeuten mag. Und nun? Nun treffen sich Emmi und Leo. Es wurde ja auch Zeit... Und wie zu erwarten, kann das reale Gegenüber mit dem virtuell und emotional überhöhten Ideal nicht mithalten. Trotzdem geraten die beiden erneut in einen ungeahnten Strudel ihrer Gefühle und ihre Online-"Beziehung" bringt ihre realen Leben mehr als durcheinander. Es lässt sich bald nicht mehr vermeiden, dass sie sich ganz ehrlich der Frage stellen müssen, ob sie mit ihrem realen Leben überhaupt glücklich sind, oder weshalb diese elektronischen Nachrichten ihr gesamtes Denken und Fühlen vereinnahmen. - Genau die Wendung, die mir im ersten Teil absolut gefehlt hatte und damit eine wichtige Weiterentwicklung, die "Alle sieben Wellen" für mich so viel besser macht, als es der erste Teil je sein konnte!
Durch die Form des Romans - er besteht wie schon "Gut gegen Nordwind" aus den ausgetauschten E-Mails - gelingt es Glattauer, die Geschichte von Emmi und Leo auf eindrückliche und direkte Weise zu schildern, ohne dass er als allwissender Erzähler Gefühlsregungen und Hintergründe erklären kann. Genau das macht diese Geschichte spannend und auf ihre Weise einzigartig. Manchmal mag man Emmi einfach schütteln, so zickig und Ich-bezogen sind einige ihrer Mails. Manchmal mag man Leo einfach an der Nase packen und daran ziehen, so geheimnisvoll gibt er sich in manchen Nachrichten. Und manchmal mag man Glattauer einfach bewundern, weil er seine Charaktere so menschlich gezeichnet hat, dass diese Geschichte - so ungewöhnlich sie auch sein mag - sich auch ganz real abgespielt haben könnte.
Fazit: 4 Sterne!
Daniel Glattauer: Alle sieben Wellen. ISBN: 978-3-552-06093-7
Kommentare:
oh bist du gemein, ich hatte mir ja geschworen hier nicht den zweiten tel zu lesen, fand ich den ersten gerade durch die imperfektion des nur über die realen treffen reden aber nie machen doch soo real und einfach tatsächlich wirklich. ich fand gut gegen nordwind so gut, weil er nichts beschönigte, weil er einfach irrsinnig nah am echten, realen leben war und ich mir - auch gestützt durch die vielen unterschiedlichen kommentare - sicher war, dass da keiner ran reicht. aber du weisst ja, dass ich deine meinung lesetechnisch sehr schätze und neugierig bin ich natürlich auhc. und so hats du es jetzt geschafft meine entscheidung in grage zu stellen... hmppf... hmmmpf... hmmpf... bäh.... fies.
Oohhh... Fies und gemein will ich ja wirklich nicht sein. :(
Ich habe auch sehr lange überlegt, ob ich Teil 2 lesen soll, dann sprang er mir in der Stadtbücherei über den Weg und da musste ich zugreifen. - Die Frage ist natürlich, ob dir dieser zweite Teil nicht sogar dein Leseerlebnis des ersten trüben könnte, wenn dir gerade die Imperfektion im ersten so gut gefallen hat. Ich war nach Teil 1 nämlich einfach nur angeödet, weil es nicht zu einem echten Abschluss kam, sondern beide vor realen Konsequenzen ihrer virtuellen Liebelei wegliefen - bzw. weil Leo davor weglief, während Emmi keine echte Chance mehr auf eine Weiterentwicklung hatte (stellt sich nur die Frage, ob sie die echt gewollt hätte) - insofern brauchte ich irgendwie eine Fortsetzung des Ganzen.
Ich wage aber doch zu tippen, dass dir auch der 2. Teil gefallen könnte, denn irrsinnig real bleiben die elektronischen Nachrichten der beiden. Emmi und Leo sind in ihren Mails so konsequent herausgearbeitete Charaktere, dass man fast das Gefühl bekommt, man würde einen wirklichen Mailkontakt be"lauschen".
Ich liebe die beiden Bücher (Gut gegen Nordwind und Alle sieben Wellen) und wünschte, daß es noch mehr solcher Liebesromane zum dahinschmelzen gibt! Das Ende von "Gut gegen Nordwind" fand ich passend - wobei bei "Alle sieben Wellen" mir das Ende nicht so zusagt... Aber eine hervorragende Rezession von Dir! Respekt!
Herzlichen Dank für das Lob! -freu- Ja, die Bücher sind wirklich was ganz besonderes im Vergleich zu vielen Liebesromanen, die sich doch häufig ähneln. Schon allein die Erzählung über die E-Mails finde ich grandios und die Charaktere werden gerade dadurch so richtig greifbar. Das Ende in "Alle sieben Wellen" kam in der Tat irgendwie recht knackig und kurz daher. Mir gefiel es aber sehr viel besser als das Ende des ersten Teils. Aber dafür sind (Buch-)Geschmäcker ja auch zum Glück verschieden, sonst wäre die (Buch-)Welt ja furchtbar langweilig. :)
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