Sonntag, 8. November 2009

Die Känguru Chroniken

Revolution einmal anders. Ein vorlautes Känguru nistet sich bei Marc-Uwe ein. Fortan leben die beiden also in einer WG. Das mit dem Aufräumen und Müll runter bringen klappt zwar nicht so, wie Marc-Uwe das gern hätte (natürlich aber so, wie das Känguru das gern hätte), aber mit der Zeit gewöhnt Marc-Uwe sich doch an seinen Mitbewohner mit dem Beutel, der am liebsten Schnapspralinen futtert (und diese auch gern in seinem Bierglas auflöst, dies aber vergisst, um sich nach wenigen Minuten über die "Schlonze" am Glasboden auszulassen).

Das Känguru ist überzeugter Kommunist und versucht zu jeder Gelegenheit gegen den Kapitalismus zu rebellieren. Natürlich dauert es auch nicht lange, bis das Gespenst des Kommunismus in der bunten WG einzieht. Dabei lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass das vorlaute Känguru als gesellschaftskritisches Sprachrohr des Ich-Erzählers fungiert. Doch aller Rebellion zum Trotz: Die Spielregeln des Kapitalismus beherrscht das Känguru in Perfektion - wer es anruft zahlt ihm 69ct pro Minute und landet erst einmal in einer zwanzigminütigen Warteschleife... ("Du willst dich beschweren? Kannst mich ja anrufen, nur 69ct pro Minute.")

Nach anfänglichen Streitereien verstehen sich Marc-Uwe und das Känguru immer besser und es gelingt ihnen sogar, den Polizisten abzuwimmeln, der an ihrer Tür klopft, um herauszufinden, ob das Känguru bei Marc-Uwe lebt und die Axel-Springer-Gedächtniskapelle angezündet hat.

Mich haben wenige Bücher so sehr zum Lachen gebracht! Schon die ersten Seiten sind zum Schreien komisch, als das Känguru sich als neuer Nachbar vorstellt und gleich einmal nach einigen "vergessenen" Zutaten zum Pfannkuchen backen fragt, nur um alle paar Minuten erneut zu klingeln und nach immer grundlegenderen Utensilien zum Kochen zu fragen. Natürlich endet alles damit, dass das Känguru bei Marc-Uwe in der Küche steht und sich die Pfannkuchen von ihm zubereiten lässt.

Sozialkritik auf hohem Niveau!

Fazit: 4 Sterne!

Marc-Uwe Kling: Die Känguru Chroniken. Ansichten eines vorlauten Beuteltiers. ISBN: 978-3548372570

Seht, wie es mit dem Känguru und Marc-Uwe weiter geht im zweiten Teil der Känguru-Triologie.

Die Simpsons und die Philosophie

Dass die Simpsons weit mehr als eine Zeichentricksendung für Kinder sind, sollte klar sein. Dass die gelben Figuren aber nicht nur einen sarkastischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft werfen, sondern sich auch dazu eignen, philosophische Theorien der großen Denker vor unserer Zeit zu veranschaulichen, fand ich doch eher überraschend. Skeptisch, aber neugierig griff ich zu diesem Buch - und wurde überrascht!

Im ersten Teil werden die einzelnen Familienmitglieder mit diversen Denkrichtungen assoziiert; so dient Bart der Erläuterung der Nietzsche'n Schule und die kleine, nicht sprechende Maggie weckt Anklänge an die fernöstliche Philosophie. Weiter geht es im zweiten Teil mit der Ethik in der gelben Stadt Springfield und grundsätzlichen Gedanken über das Glück, das sogar der teuflische Mr. Burns zu empfinden vermag. Abgeschlossen wird diese Reihe von Essays, die diverse Philosophen der heutigen Zeit verfasst haben, von noch grundlegenderen Gedanken über das Denken selbst und die philosophischen Anklänge bei den Simpsons.

Es ist ein amüsanter und - natürlich, auch - medienwirksamer Weg, um einem breiten Publikum philosophisches Grundwissen zu vermitteln. Anhand diverser Szenen aus der Serie wird dabei erläutert, was aus den Theorien der großen Denker zitiert wird. Lisa Simpson steht Patin für den Beleg amerikanischen Antiintellektualismus'. Marge Simpson demonstriert uns die Bedeutung moralischen Handelns. Und es ist tatsächlich Homer Simpson, der als Beleg für die aristotelischen Tugenden herangezogen wird. Das lasse man sich bitte einmal auf der Zunge zergehen.

Fazit: 4 Sterne!

William Irwin, Mark T. Conrad, Aeon J. Skoble: Die Simpsons und die Philosophie. Schlauer werden mit der berühmtesten Fernsehfamilie der Welt. ISBN: 978-3-4922-5239-3

Sonntag, 1. November 2009

Die Eleganz des Igels

Wer sind wir? Was stellen wir dar? Erfüllen wir die Erwartungen, die von der Gesellschaft an uns gestellt werden? Dies sind die entscheidenden Fragen, die die beiden Hauptfiguren in diesem Roman - mal bewusst, mal unbewusst - bewegen, antreiben, hemmen.
Da haben wir die 54-jährige Renée: Eine leidenschaftliche Leserin. Noch dazu eine unglaublich gebildetete Leserin, die auch nicht davor zurück schreckt, sich binnen eines Lesetages mit der Phänomenologie auseinander zu setzen und ihre Meinung hierzu zu bilden. Am meisten verehrt sie den russischen Schriftsteller Tolstoi, dem zu Ehren sie ihre Katze Leo getauft hat. Doch ihr Interesse für Weltliteratur, Philosophie, Kunst und Musik würde sie um keinen Preis nach außen tragen. Viel zu sehr ist sie damit beschäftigt, das Klischee der ungebildeten, Soapoperas verfolgenden Concierge zu erfüllen.
Im gleichen Hause lebt die 12-jährige Paloma. Für ihr Alter viel zu erwachsen, für ihre Schule viel zu intelligent, für ihre Familie viel zu seltsam. Sie sieht das Leben der Erwachsenen als ein ständiges Im-Kreise-Schwimmen im Goldfischglas. Um dieser blamablen Situation zu entgehen beschließt sie, sich zu ihrem 13. Geburtstag selbst umzubringen - und das mit großem Tamtam und Feuer in der Wohnung ihrer Eltern. Zuvor möchte sie allerdings noch ihre tiefgründigen Gedanken über die Welt und das Leben an sich, sowie die Bewegungen der Welt in ihrem Tagebuch festhalten.

Zwei Menschen, die nicht in ihre Umgebung passen und die sich für ein scheinbar unabwendbares Schicksal entscheiden. Nicht an jeder Stelle ist der Roman zielführend. Doch sind es oft und gerade die Abschweifungen über alltägliche und nicht-alltägliche Themen, die dem philosophisch und ästhetisch interessierten Leser neue Denkanstöße geben. Wenn gleich unsere beiden Protagonistinnen in ihren Urteilen über die Welt und die sie umgebenden Menschen an nicht wenigen Stellen furchtbar selbstgefällig daher kommen, so ist es doch ein Vergnügen Abhandlungen über die korrekte Setzung eines Kommas und dergleichen mehr zu lesen. Dabei wirkt nicht ein Wort deplatziert, der Lesefluss lässt einen vor allem ab dem zweiten Drittel das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Es ist die Sprache, die einen so sehr an das Buch fesselt, die wenigen Hinweise auf den Fortgang der Handlung zwischen sprachgewaltigen Ausflügen aufschnappen und wie ein Puzzle zusammenfügen lässt. Ein großes Lob an die Übersetzerin!

Fazit: 5 Sterne!

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels. ISBN: 978-3-4232-4658-3

Die Wand

Es sollte einfach nur ein ruhiges Wochenende auf einer einsamen Hütte im Wald werden - der Versuch, dem stressigen Berufs-Alltag zu entkommen. Doch als die Ich-Erzählerin ohne Namen am nächsten Morgen aufwacht, ist ihre Umgebung still und verlassen. Ihre Reisebegleiter sind von ihrem abendlichen Ausflug ins Dorf nicht zurückgekehrt. Sie macht sich auf den Weg, um nach den beiden zu suchen. Doch weit kommt sie nicht, denn sie stößt auf ihrem Weg gegen eine unsichtbare Mauer. Eine Wand, die sich wie eine überdimensionale Schneekugel über sie gestülpt hat. Sie kann sehen, dass das Leben außerhalb der Wand geendet hat. Nur innerhalb der Wand scheint alles unverändert. Fortan muss die Ich-Erzählerin gänzlich auf sich allein gestellt für ihr Überleben sorgen.
Und so stellt sie sich den alltäglichen Herausforderungen, erbeutet ihre Nahrung, kümmert sich um die Hütte, lernt es, die Kuh zu melken, die ihr als einzige Gefährtin nebst einigen Katzen bleibt. Die ersten Tage ist sie von der ungewohnten schweren Arbeit so geschafft, dass sie einfach nur ins Bett fällt und viel - sehr viel - schläft. Doch mit der Gewöhnung an die körperlichen Strapazen gibt es mehr und mehr Raum zum Denken... Bald beschleicht sie das Gefühl einer tiefen Sinnlosigkeit ihres Unterfangens. Wozu noch überleben als letzter Mensch auf der Erde?

Marlen Haushofer hat mit ihrem Roman eine Atmosphäre um ihre Ich-Erzählerin gewoben, die die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Selbst erzwingt. Und das unter widrigsten Umständen. Konfrontiert mit dem Alleinsein, dem Tod und der Stille. Vorstellungen, die der heutigen Gesellschaft allzu häufig Angst einzujagen scheinen. Mit psychologischem Feingespür durchläuft die Ich-Erzählerin verschiedene Phasen, wie sie mit ihrem Schicksal umgeht.

Für einen großen Knackpunkt halte ich das Ende. Wahrlich; eine Auflösung der Situation als solche ist kaum möglich. Die Schlussszene hat mich zunächst sehr verstört. Doch der Raum für Interpretationen ist groß, vor allem von der psychologischen Seite her. Aber ich will nicht zu viel verraten...

Fazit: 5 Sterne!

Marlen Haushofer: Die Wand. ISBN: 978-3-5486-0571-5